Stuhlmacher zur Bergpredigt

(Kurze Vorbemerkung: Nach einem länger andauernden Gespräch über das Thema Bergpredigt erzähle ich Kasi von Stuhlmacher. Mit einem müden Blick erwidert sie: “Ich bin jetzt auch ein Stuhlmacher” – und geht zur Toilette.)

Im Moment habe ich Peter Stuhlmachers Aufsatz zur Seite gelegt und möchte euch daran teilhaben lassen.

Stuhlmacher hält an der Umsetzbarkeit der Bergpredigt fest:

„Jesu in der Bergpredigt zusammengefaßtes vollkommenes Gesetz der Freiheit ist ein Aufruf zur praktischen Nachfolge und zur Tat der Liebe. Es gibt nirgends im Neuen Testament oder in der alten Kirche Anzeichen dafür, daß die Praktikabiltät der Bergpredigt angezweifelt worden wäre.“ (308)

Deshalb kommt für ihn eine Scheidung zwischen Vollkommenen und einfachem Christen, wie sie in der mittelalterlichen Theologie vorgenommen wurden, nicht in Frage.

Mit Luther meint er, dass es wichtig sei, sich vor Augen zu führen, dass der Mensch in einer doppelten Verantwortung steht.

„Es ist deshalb ein Unterschied zu machen zwischen der Beherzigung der Bergpredigt vor Gott und in der Gemeinde, und der Praxis der Gebote Jesu unter den Bedingungen der uns umgebenden sozialen und politischen Welt.“ (309)

Stuhlmacher geht davon aus, dass „die Bergpredigt an der Seite Jesu als Ruf in die Nachfolge zu lesen ist.“ (310) Das bedeutet, dass sie sich zuerst an die Christen richtet, die ein Volk im Volk als Salz und Licht „missionarisch werbendes Zeugnis“ (ebd.) ist. Überhaupt macht er, angesichts der wachsenden Säkularisierung und des Verlustes der Stellung der Kirche als Volkskirche (1982!), Werbung für die Aufbrüche zu einem missionarischem Minderheitenchristentum.

Von dieser Sichtweise ausgehend, formuliert er im Abschnitt “Feindesliebe und Gewaltverzicht” noch einmal den Standpunkt der Gemeinde und der Bergpredigt zur Politik:

„Es dürfte heute christlich möglich sein, Einigung darüber zu erzielen, daß die christliche Gemeinde als solche keine politische Organisation ist, wohl aber ein Zeugnisauftrag hat, der in den Bereich der Politik hineinwirkt.“ (320)

Und weiter:

„Wenn die Gemeinde Christi in der gegenwärtigen Situation aus Jesu Forderung der Feindesliebe und aus der Erfahrung des eigenen Getragenseins durch die von Jesus erfüllte Feindesliebe heraus politische Vorschläge und Konzeption entwickelt und diese in den politischen Entscheidungsprozeß einbringt, … dann überschreitet die nicht ihre christlichen Kompetenzen, sondern erfüllt ihren Auftrag, der Schöpfung Gottes zu dienen.“ (321)

Er gibt aber auch zu bedenken, dass es die Alte Kirche aufgrund Jesu Gebote es für einen Christen nicht möglich hielt Soldat zu sein, also bestimmte Berufe ausgrenzte. (Vgl. 318) Stuhlmacher legt damit auch eine gewisse Gesellschaftsdistanzierung nahe.

Stuhlmacher arbeitet m.E. nach sehr anschaulich die Spannung heraus in der der Einzelne zwischen Bergpreidgt und den uns umgebenden Verhältnissen steht. Dann bestimmt er allerdings hauptsächlich den Standort der Gemeinde im Verhältnis zur Politik, im Falle des Einzelnen Christen in der Politik wirft er sich auf die Zwei-Reiche-Lehre Luthers.

(Zitiert aus: Stuhlmacher, Peter. Jesu vollkommenes Gesetz der Freiheit – Zum Verständnis der Bergpredigt. Zeitschrift für Theologie und Kirche. Bd. 79. Hrsg. Eberhard Jüngel. Tübingen: Mohr, 1982.)

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