Retrospektive: Emergent Deutschland Forum


Am Wochenende war ich auf dem Forum in Erlangen das von Emergent Deutschland initiiert wurde. Da mittlerweile wohl schon fast jeder bloggende Teilnehmer sich dazu geäußert hat (z.B. Arne, Daniel “depone” Ehniss, Hufi Peter Aschoff, Björn u.a.), will ich nichts Vollständigkeit beanspruchendes schreiben, sondern fragmentarisch das wiedergeben, was mich berührt, getroffen, erfreut oder ermutigt hat.

Zwei Aspekte klingen in mir nach:

  • Am Freitag Abend erzählte Brian davon, dass er vor nicht wenigen Jahren mit den Jugendlichen seiner damaligen Gemeinde an eine Wand die Fragen schrieb, die die Gemeinde umtrieb und an die andere die Fragen, die die Gesellschaft prägten. Dabei wurde ziemlich schnell klar, dass die Probleme der Gemeinde nicht besonders viel mit denen der Gesellschaft zu tun hatten. Mit diesem Bild verband sich für mich der Samstag Abend, an dem es um theologische Problematiken ging. Wir hatten die Aufgabe im Gespräch festzustellen, mit welchen Glaubensfragen die Menschen um uns herum schwanger gehen. Beide Momente, Freitag- und Samstagabend, waren für mich beschämende Augenblicke, in denen mir bewusst wurde, wie wenig ich um die Fragestellungen der mich Umgebenden weiß. Weisst Du welche Glaubensfragen, die Leute um Dich herum beschäftigen? Welche Probleme nehmen Dich und Deine Gemeinschaft in Beschlag und haben diese etwas mit den Problemen der Gesellschaft zu tun?
  • Das zweite Eindrückliche war ein Film, den Brian zeigte, in dem, so verriet er schon zuvor, zwei Teams Basketball spielten. Brian bildete Gruppen, zwei sollten die Pässe jeweils eines Basketballteams zählen, eine dritte Gruppe war dazu bestimmt alle Pässe zu zählen. Was dann passierte, sprengt jede Narrative: Nach wenigen Sekunden des Films kam eine Person im Gorillakostüm gekleidet ins Bild gelaufen. Doch weil der Spielfluss und die sich durcheinander bewegenden Spieler alle Konzentration absorbierten, nahmen ihn nur wenige wahr. Ich jedenfalls hab ihn nicht gesehen. Brian veranschaulichte so eine theologische Problematik: Wir sind trainiert, einige dogmatischen Linien zu verfolgen, haben unsere hermeneutische Fokussierung und selektive Exegese. Deshalb entgeht uns nicht selten der Gorilla im Bild. Ich glaube aber, dass jede Theologie, auch die emergente, in der Gefahr steht, ihren Gorilla zu übersehen. Theologie ist oft paradox, manche sagen dialektisch – eben spanungsreich. Diese Spannung auszuhalten ist nicht immer einfach. Einfacher ist es konsequent sich ganz der Schlagseite hinzugeben, die einen Trikots zu fixieren und sein weltanschauliches Steckenpferd zu reiten. Ich frage mich, wo wir in der “emerging conversation” dabei sind den Gorilla zu übersehen. Taucht er vielleicht im Spielfeld der Missiologie auf und macht er zwischen den Ballwechseln hüpfend auf den Aorist, das Punktuelle der Umkehr aufmerksam? Oder auf die radikale Ganzheit im Gegensatz zu einer Umkehr der Gesinnung? (Diesen Fragen werd ich wohl in den nächsten Wochen nachgehen…)

Jetzt hab ich eine Menge geschrieben. Diese beiden Momente waren eigentlich nur ein kleiner Teil dessen, was mich wirklich bewegt hat. Gefreut haben mich vor allem die Leute, die ich kennenlernen durfte – wunderbare Menschen, wie ich finde: so klug, mutig und bescheiden! Was letztlich meine Erwartungen übertaf war der Sonntagmorgen. Die Dynamik, die entstand als es darum ging Arbeitsgruppen zu bilden, hat mich überwältigt. Und ich bin überaus gespannt, was unsere Arbeitsgruppe angeht …

14 Reaktionen zu “Retrospektive: Emergent Deutschland Forum”

  1. Arnachie

    Oh ging ja dann doch flott!
    [Der] “Aorist, das Punktuelle der Umkehr aufmerksam?”
    Schön formuliert!
    Geht mir auch so, dass -wenn ich intelektuell redlich sein will- ein paar Bibelstellen, die mich stören, nicht mit “griechischem Dualismus, der unser Denken prägt” wegwischen kann. Außerdem kann man sicher auch ein paar biblisch-theologische Anfragen von Kritikern nicht immer gleich mit “bible ping pong” gleichsetzen.

  2. martin aus woltersdorf

    hallo daniel

    ich grüße dich … was geht so bei euch?

    meine frage: welche arbeitsgruppen haben sich denn nun gebildet? und in welcher bist du drin? grüße … martin

  3. Emergent Marburg, Hamburg & Erlangen at einAugenblick.de

    [...] Daniel Sikinger: • Retrospektive: Emergent Deutschland Forum [...]

  4. Jessie

    Danke für das Erläutern des Gorillas. Habe nämlich auf anderen blogs nur gelesen, dass sie der Gorilla beeindruckt hat, aber sie erklärten nicht, was es mit dem Gorilla auf sich hatte. Nun habe ich verstanden. Danke :-)

  5. Tina

    Leider hatte ich keine Zeit, deinen Artikel zu lesen. Ich muss so tun, als ob ich studiere. Aber Sprücheklopfen, das tu ich gern. Ihr mit eurer Emerging Church! Ich find euch lustig!

    Warum darf ich nicht einfach nur mit Jesus abhängen und meine Ruhe haben? Das kann doch nicht so schwer sein, holla, sprach die Waldfee…

    Beim Studientag hatten wir’s davon, dass Evangelisation ab sofort nun ohne Worte geschieht. Also, Verkündigung ohne Reden. Schieben wir das kleine Paradoxon an dieser Stelle mal gschwind zur Seite. OK. Ich plädiere ja dafür, dass die Emerging Church zurück zur Pantomime kehrt. Aber nur mit Ballettschuhen und engen Leggins, die sind ja jetzt in. Wir müssen schließlich mit der Zeit gehen und unsere Theologie des Klamottentragens reformieren. Soweit, so gut?

    Naja, wie auch immer. Ich weiß, dass ich nix weiß, also leb ich halt mal!

    Viele sonnige Grüße aus Kirchheim.
    Tina

  6. Herzton

    @ Martin: Es haben sich SO viele Arbeitsgruppen gebildet, dass ich sie dir gar nicht alle aufzählen kann … ich für meinen Teil werd mit Leuten netzwerken, die auch in monastisch, kommuneähnlichem, gemeinschaftlichem Leben unterwegs sind, oder sich damit beschäftigen

    @ Arne: schön, dich hier auf meinem Blog als Kommentator begrüßen zu dürfen. Schön von dir verstanden zu werden.

    @ Tina: ich will dich beim nächsten Studientag im Ballettdress sehen!!!!

  7. Tina

    haha, wann ist der nächste studientag?
    ich komm als sandwich.

    ich hab nen vorschlag: beim nächsten studientag diskutieren wir in gruppen ehrlich und offen das thema “wie kann ich den nussknacker beim müll aufräumen evangelistisch in einem ballettdress tanzen und dabei die stadt in 10 einfachen schritten einnehmen?”

    wer weiß, vielleicht will jesus unser denken ja so weit dekonstruieren, bis wir es dann gut finden? warum nicht? unser glaube ist eh nicht gesellschaftlich anerkennbar machbar, weil gott ihn eben von vorneherein zum anstoß werden ließ. oder warum sonst hat er den baum in die mitte edens platziert?

  8. “Ich brauche neue Schuhe…” « ………………………….ReflectionsnoitcelfeR

    [...] dass bei Daniel andere Gedanken geblieben [...]

  9. Tina

    Hallo Daniel,

    ok. jetzt mal ein wenig ernsthafter. ich habe deinen artikel gelesen.

    ich von mir kann sagen, dass ich fragen habe, die wohl ein jeder junger erwachsener hat. wohin geht’s in meinem leben? die frage nach dem partner, nach finanzieller versorgung, die frage als mitglied eines leitungsteams in einer jugendgemeinde, wie wir gemeinde bauen können, usw.

    ich hatte viel weniger anfragen an gott bevor ich mit dem studium angefangen habe. ich hab einfach meine beziehung mit ihm gelebt und es war gut! schöne zeiten hatte ich! :-)

    und dann habe ich mich in den letzten 1,5 jahren selbst dekonstruiert. so ziemlich komplett. auch die guten dinge, die gott in mein herz geschrieben hatte. hab angefangen, alles zu hinterfragen.
    was hat sich konkret in meinem glaubensleben verändert? nichts. ich habe keinen anderen lobpreisstil, keinen anderen gebetsstil als vorher. ich bin nur in einigen dingen freier geworden, kann mehr aus mir herausgehen.

    ich habe nur das gefühl, dass die “emergent conversation” teilweise fragen stellt oder dinge dekonstruiert, die nicht nötig sind oder sogar schaden anrichten.
    warum muss ich dinge dekonstruieren/neu reformieren, die bereits von gott gesetzt sind?
    zum beispiel in sachen evangelisation.
    zum beispiel in sachen befreiungstheologie.

    geht es nicht darum, zu tun, was gott mir persönlich offenbart hat? egal, in welcher zeit und egal, in welchem umfeld? zumindest dachte ich das.
    zumindest dachte ich das…

  10. Herzton

    @ Tina:

    danke, dass du meinen Eintrag gelesen hast. ;-)

    Ich denke zwar, dass es ein guter Ansatz sein kann, von seinen eigenen Fragen auszugehen, wäre aber trotzdem vorsichtig sie zum Programm meines missiologischen, ekklesiologischen … Handeln zu machen. Denn, wir betrachten christliche Religion von einer Innenperspektive und die Menschen, die ich bei meinem Eintrag im Blick hatte würden ihre Sichtweise eher als eine Außenperspektive beschreiben – von daher werden wahrscheinlich die Fragestellungen teilweise differieren.

    Was die Problematik des Fragens angeht – darüber wird in der von dir angesprochenen “emergent conversation” ehrlich gesprochen! Ich halte Fragen grundsätzlich für etwas Gutes: Fragen können Neugierde und Sehnsucht wachhalten, können der Gefahr einer Stagnation des Lernens begegnen und zeigen, dass wir noch unterwegs sind. Aber Fragen haben definitiv auch eine dekonstruktive Potenz – und dessen sollte man sich bewusst sein. Ich halte es deshalb nicht für sinnvoll, immer und überall alle Fragen zu stellen.

    Und was die Dinge angeht, die deiner Meinung nach “gesetzt” sind … Du erwähnst hier ein sehr Assoziationensschwangeres Wort: “Evangelisation” – da ich erlebe, dass Menschen unterschiedlicher Glaubenstraditionen sehr unterschiedliche Dinge damit verbinden, macht es für mich Sinn, dieses Wort zu dekonstruieren, um konstruktiv zu fragen, was Gott innerhalb dieser vielfachen Deutung wirklich “gesetzt” hat und was unsere kulturell bedingte Ausgestaltung ist. Nur so als Beispiel. (Was meinst Du genau mit “Befreihungstheologie”? Die Theologieströmung seit den 70ern?)

    Hoffentlich trägt Einiges hiervon zur Klärung bei, wie ich “emergent” verstehe. Wir können uns natürlich gerne auch auf dem nächsten Studientag drüber unterhalten … nachdem du deine Pantomime aufgeführt hast. ;-)

  11. Tina

    Ja, ich stimme zu. Fragen sind toll (grundsätzlich erstmal). Sie sind selbstoffenbarend und oft mutig. Kinder fragen auch viel und werden so schlauer ;-) . I think, it’s good. Doch Fragen zu fragen will auch gelernt sein, finde ich. Wohin führen sie mich?

    “Befreiungstheologie”: Ich bin dagegen, wenn hinter jedem Bus(c)h ab sofort destruktive Gewalten lauern. Aber gleichzeitig bin ich auch dagegen, wenn sie ins Lächerliche gezogen wird., diese Theologie. Dass es nur schwarz/weiß geben soll, nach dem Motto “Entweder Feind oder Gott” (Der Mensch hat ja keine Eigenverantwortung oder so), da bin ich auch dagegen. Aber solange Jesus Dämonen in Schweine reintut und Menschen solche Dinge sehen können, weil die Bibel von dieser Gabe spricht (1Kor 12,10), will ich nicht mich subtil darüber lustig machen, nur weil wir deutsche Verstandeskartoffeln sind, wenn ich’s mal so sagen darf… Und der Trend geht mir ein bisschen zu arg in die “ich mach mich lustig darüber”- Richtung.

    Evangelisation: Was ist, wenn Gott sich tatsächlich entscheidet, durch meine -nach meinem Geschmack- very uncoole Pantomime, Menschen zu Jesus zu führen? Ich freu mich, wenn das Denken erweitert wird und zum Beispiel das Thema Umweltschutz ‘auf den Markt’ kommt. Vielleicht ist das für mich nicht so ein Riesenthema, weil es mir eh logisch erscheint. Und dann denke ich “Hä? Warum wird das jetzt so ein Thema? Was ist das für ein Hype?” Eine Freundin von mir hat schon vor ca. 7 Jahren zu mir gesagt: Ihr seid doch Christen, Umweltschutz sollte doch euer Topthema sein. Da hab ich eine kleine Erkenntnis für mich gehabt, meinen Müll vom Mäc nicht auf die Straße geschmissen. Aber ich habe es nicht “emergent” gelabelt, noch ein Buch darüber geschrieben, und auch nicht die Theologie refomiert. Was ich damit sagen will, just do it and make it part of your life. Und wenn ich Einfluss im größerem Maße nehmen will, dann sollte ich vermutlich beruflich in diese Richtung gehen. So what?

    Soziale Gerechtigkeit: Ich bin als Tochter von einer Indonesierin aufgewachsen. Ich bin von Anfang an mit Armut in meiner Verwandtschaft konfrontiert worden. Daher fällt es mir aus meiner Biographie heraus eher schwer, so etwas als Supererkenntnis von 2007 zu akzeptieren. Ich denke dann, hä? Wie habt ihr euren Glauben vorher gelebt? Warum muss man das jetzt so groß propagieren?

    Welche Fragen stellt “emergent” denn?
    Ich komm da noch nicht so ganz dahinter.

    OK.

    Was ich konkret kritisiere: “Emergent” (pauschal gesagt) entdeckt was, “schreit rum”, was sie nun erkannt hat, was denn nicht mehr so ist wie es mal war, aber hat sie denn eine echte Alternative? Ich finde es nicht klug, etwas zu dekonstruieren, von dem ich keine ordentliche Rekonstruktion habe. Wenn ich vom ‘normalen’ christlichen Volk ausgehe, dann habe ich als Leiterin eine Verantwortung vor Gott. Soll ich alle meine theologischen Erkenntnisse und Zweifel unter meine Freunde bringen und sie damit in Verzweiflung stürzen? Nein, ich schweige, bis ich für mich eine Lösung gefunden habe. Sonst bleibt da eine Leere und dann kann ich gleich aufhören, Gemeinde zu bauen, mal scharf ausgedrückt.

    Grüßli!
    Tina

    P.S. Ich bin gut in Pantomime, das hab ich bei YWAM praktiziert… ;-)

  12. Herzton

    Auch wenn ich nicht Deiner Meinung bin, was Evangelisation, Umweltschutz und der Wirkung des Fragen-Stellens angeht, möchte ich das hier nicht ins Detail diskutieren. (Wir können aber gerne beim Studium drüber reden.)

    Vielmehr will ich kurz auf deinen Vorwurf Emergent präsentiere Altes als das Neuste eingehen. Ich finde ich, dass der Post von Björn (KLICK!) und die Diskussion (wenn auch nicht erschöpfend) Gedankenanstöße geben können.

  13. Tina

    Hey Daniel, oke. :-) Bis dennsche!

  14. Hans-M.

    Ja, hier geht´s ja richtig zur Sache. Wann ist der nächste Studientag? Da komm ich !!!
    Ich will mich dazu ja nicht äußern. Nur so viel:

    Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit.
    5 Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht.
    6 Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Weil er sich immerzu dreht, kehrt er zurück, der Wind.
    7 Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen.
    8 Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll.
    9 Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
    10 Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues – aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.
    11 Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren, und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden.
    Koh 1,4-11

Einen Kommentar schreiben