Kontemplativ Reisen? Reisen zuhause üben?
Über Peter bin ich auf einen Artikel bei jetzt.de aufmerksam geworden, der sich über das alljährliche Reisefieber der Deutschen auslässt. Hier kannst du in ganz lesen.
Im wesentlichen Anliegen spricht mir Lars Weisbrod aus der Seele:
“Nur weil einer irgendwo anders war, hat er noch lange nichts erlebt und erst recht nichts zu erzählen.”
Auch wenn ich denke, dass Reisen eine unglaublich wichtige Erfahrung sein können, finde ich es traurig, wenn Menschen nur auf das Besondere (den nächsten Urlaub, das kommende Wochenende, die baldige Party) hinleben und das Alltägliche nicht wertschätzen. Das Schlimme daran ist, dass man so die Dankbarkeit und das Staunen verlernt:
“Wer nicht auf Anhieb fünf Dinge nennen kann, die ihn an der heimatlichen U-Bahn faszinieren, was will so jemand bei den Pyramiden in Ägypten? Was gäbe es da zu sehen für ihn, der doch schon zuhause nichts sieht? Nichts gäbe es. Wer achtlos an jedem Aufkleber, jeder technischen Neuerung, jeder Veränderung in seinem Lebensumfeld vorbeimarschiert, was will er auf den Inseln der Karibik? Ihm bleiben nur des Kaisers neue Kleider: Weil jeder sagt, wie schön der Urlaub war, wird auch er es sagen, denn er will nicht als der Depp dastehen, der nicht dazugehört.”
Auf meinen eigenen Reisen hab ich an mir selbst oder an meinen Mitreisenden festgestellt, dass mit einer solchen Haltung die andersartige Kultur schnell nur zum Gegenstand der Kritik, die Lebensverhältnisse als Zumutung empfunden und der Besuch einer lokalen “Sehenswürdigkeit” (dieses Wort spricht Bände) bloß als weiterer Punkt der abzuarbeitenden ich-war-da-auch-schon-Liste erlebt wird.
Vielleicht bereitest du dich ja gerade selbst auf deinen Urlaub vor. Vielleicht wäre ja mal bedenkenswert was es hieße kontemplativ zu reisen. Inwiefern würden Staunen und Dankbarkeit unsere Reisen verändern? Bräuchte es dazu vielleicht auch eine gewisse Entschleunigung des Reisens? Vielleicht hat aber auch Lars Weisbrod recht, und Staunen und Dankbarkeit lassen sich besser im Alltäglichen üben, als im Besonderen, als beim Reisen:
“Es sollte also jeder, bevor er in die Ferne schweift, ins nahegelegene Gewerbegebiet fahren und dort seinen Blick schärfen. Autobahnraststätten, Flughäfen und Bahnhöfe sollten ihm nicht schnödes Mittel zum Zweck sein, sondern reizvolle Landschaften, die entdeckt werden wollen. Selbst am dunkelsten Ort, in der langweiligsten Landschaft der Welt muss es für ihn noch etwas Bemerkenswertes geben, und wenn es bloß die Dunkelheit oder die Langeweile ist. Wer so geschult ist, der reise.
Ich will heute das Reisen üben!