Tischgemeinschaft als Akt der Heilung

Nachdem ich von Tobias darum gebeten worden bin, meine Zwischenergebnisse zu der vor einigen Wochen gestellten Frage, ob Jesu Tischgemeinschaft als Zeichen oder Wunder verstanden werden kann, hier preis zu geben, will ich euch an meinen Gedanken teilhaben lassen – soweit das ein Blogpost eben zulässt.

Ausgangsfrage war also: Ist man berechtigt Jesu Tischgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern – wie sie z.B. in Matthäus 9,9-13 geschildert wird – als ein Wunder oder als Zeichen des nahe gekommenen Reiches Gottes zu verstehen. Außerdem beziehen sich Missiologen nicht selten auf ebendiese Tischgemeinschaft, um zu sagen: Wir müssen Jesusgemäß das Reich Gottes – auch in sozialer Aktion - darstellen und nicht nur verkündigen. Deshalb habe ich mich auch gefragt, ob der exegetische Befund diese missiologische Interpretation zulässt bzw. sogar nahe legt. Um diesen Fragen nachzugehen habe ich mich mit dem Matthäus-Text näher befasst – oder besser: er mit mir.

Zunächst mal ist mir die Einordnung der Geschichte von der Berufung des Zöllners und der Tischgemeinschaft mit seinesgleichen in den Gesamtkontext aufgefallen: Im ersten Evangelium wird diese Begebenheit in einer Sammlung von Heilungen geschildert. Dieser “Heilungs-Block” (Kap. 8-9) wird gemeinsam mit einem “Rede-Block” – der so genannten Bergpredigt – (Kap. 5-7) von zwei Summarium (einem zusammenfassenden Satz des Evangelisten) umrahmt. In diesem Summarium heißt es sinngemäß: Jesus zog umher, lehrte und rief die Botschaft vom Gottesreich aus und heilte. Diese drei Elemente machen den Kontext der Tischgemeinschaft aus, der folgendermaßen kurzgefasst werden könnte: Summarium – Redeblock – Wunderblock (inkl. Tischgemeinschaft) – Summarium. Ich hab mich gefragt: Warum gliedert der Schreiber des Matthäusevangeliums in dieser Weise?

>>>> Jedenfalls: Die Tischgemeinschaft Jesu mit Zöllnern und Sündern wird in Verbindung zu Heilungen Jesu und darüber hinaus zu Jesu Gottesreich-Verkündigung gebracht.

Außerdem fiel mir auf, dass der Tischgemeinschaft die Geschichte von der Heilung und Sündenvergebung eines Gelähmten vorangestellt wird. Zur Erinnerung: Man bringt einen Gelähmten zu Jesus, Jesus spricht ihm die Vergebung der Sünden zu, woraufhin sich einige Schriftgelehrten über diese Anmaßung empören. Zum Erweis seiner Vollmacht Sünden zu vergeben, heilt er den Gelähmten. Interessanterweise geht in allen synoptischen Überlieferungen diese Erzählung den folgenden Ereignissen der Zöllnerberufung und Tischgemeinschaft voraus. Dort wird Ähnliches betont: Nachdem sich Juden über Jesu Einkehr bei einem Zöllner wundern (das gemeinsame Mahl mit einem Zöllner oder Sünder verunreinigte den Juden und schloss ihn so aus der Anbetungs- und Volksgemeinschaft aus), erklärt Jesus: “Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. (…) Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.”

>>>> Damit wird klar: Jesus selbst versteht Sünde als Krankheit und den Sünder als einen, dem Heilung zukommen soll. Deshalb berichtet Matthäus von der Tischgemeinschaft auch in diesem Heilungs-Kontext.

Jetzt stellt sich nur die Frage: Wie genau kam den Zöllnern und Sündern in Matthäus 9 die von Jesus angebotene Heilung zu? Die Geschichte vom Gelähmten lehrt uns: durch Sündenvergebung. Der Nachfolgeruf an den Zöllner sagt: durch Berufung in die Jüngergemeinschaft. Aber kann die Tischgemeinschaft als Akt der Heilung verstanden werden?  Es wird – meines Erachtens zurecht – in diesem Zusammenhang auf die eine andere Zöllnertischgemeinschaft verwiesen – auf die mit Zachäus (vgl. Lk 19,1-10). Auch wenn umstritten ist, was genau Zachäus zur Umkehrbewegung veranlasst hat und wenngleich diese Auslöser vielfältig gewesen sein mögen, scheint diese unvorstellbare Handlung, sich an einen Tisch mit einem Sünder zu setzten, den Ausschlag für ihn gegeben zu haben. Genauso scheint bei Matthäus die Tischgemeinschaft einbezogen in den Heilungsprozess als Akt der Heilung Jesu.

>>> Also: Die Heilung der Sünder, weswegen Jesus gekommen ist, vollzieht sich in den Evangelien in Sündenvergebung, Berufung und Tischgemeinschaft.

Angenommen, im eschatologischen “Himmelreich” werden alle, Juden wie Heiden an einem Tisch sitzen. Und angenommen, die Wunder bzw. mit dem Johannesevangelium gesprochen: die Zeichen Jesu sind nicht nur zum Erweis Jesu Messianität, sondern auch ein Hinweis auf das gekommenen Reich Gottes und ein Verweis auf das noch zu kommende Gottesreich (vgl. Mt 12,28).

>>>> Dann handelt es sich bei der Tischgemeinschaft wirklich um ein Zeichen Jesu!!!

Wenn Jesus seine Jünger sendet zu verkündigen und zu heilen und auch wir ausgesandt sind “wie Christus” (vgl. Joh 17,18), dann müssen wir uns fragen, wie wir diese Tischgemeinschaft Jesu mit den Unreinen leben können? Wie können wir an Gottes heilendem Prozess teilhaben, wie an der Wiederherstellung von Menschen in die “Volks”- und Anbetungsgemeinschaft, in die Gemeinschaft zu Gott und Menschen? Und wir können uns fragen, ob unsere Tischgemeinschaften darin eine Rolle spielen werden.

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